Elternverein öffnet sich für gesamten Burgenlandkreis

Posted on Mai 25, 2009. Filed under: Netzwerke, Pflegefamilie, Publikationen, Sachsen-Anhalt | Tags: |

KREISCHAU/MZ. Abends, wenn endlich Stille in das Haus einzieht, geht Charlotte Linke (Name geändert) durch die Kinderzimmer, streichelt hier eine Wange, zupft dort die Decke zurecht, knipst eine Lampe aus oder legt ein Buch auf den Nachttisch. Sie genießt den Blick in die verträumten, vertrauten Gesichter all ihrer Kinder und kommt zur Ruhe. Ruhig und gefasst redet sie über ihren Alltag, der nicht alltäglich ist. Sie blickt fast zwei Jahrzehnte zurück. Die eigenen, leiblichen Kinder sind flügge und sie ohne Arbeit. In einer Zeitung liest sie davon, dass Pflegeeltern dringend gesucht werden. Gemeinsam mit ihrem Mann fällt sie eine Entscheidung fürs Leben.

Sie nimmt ein fremdes Baby auf und legt sich mit ihrem 19-jährigen Sohn an. „Der war voll dagegen“, erinnert sie sich. Auch daran, wie sie festgehalten hat: an ihrem Sohn und dem ihr ans Herz wachsenden Pflegekind. Über die Jahre glätten sich die familiären Wogen. Heute findet der „Große“ seine Mutter aufgrund ihrer Stärke cool. Gegenwärtig hat sie fünf Kinder – zwei Mädchen und drei Jungen, darunter ein Geschwisterpaar. Alle haben ihre Geschichte, die dazu geführt hat, aus ihrem gewohnten Leben herausgenommen worden zu sein. „Die Kinder kommen in jedem Fall aus problematischen Verhältnissen“ schildert Martina Mädchen vom Pflegekinderdienst des Jugendamtes Burgenlandkreis. Das können Überforderungen der Eltern sein, Misshandlungen, sexuelle Übergriffe, Notsituationen oder auch Krankheiten der Mütter.

Dann müsse ein solches Kind in andere Obhut. Zum Beispiel in ein Heim, besser jedoch sei, wenn eine Familie gefunden würde. Künftige Pflegeeltern würden auf diese Aufgabe langfristig vorbereitet. Im Altkreis Weißenfels gibt es derzeit 83 Pflegekinder in 37 Familien. Hier agiert der Pflegeelternverein Weißenfels, in dem zur Zeit zwölf Familien zusammengefunden haben. „Wir wollen uns für den gesamten Burgenlandkreis öffnen, da es in den anderen Regionen solch einen Zusammenschluss nicht gibt“, ist von der Vereinsvorsitzenden Sylvia Sachse zu hören. Sie zieht als alleinerziehende Mutter selbst seit 2000 Pflegekinder groß. In einer Zeit, in der sich Paare immer später oder im schlimmsten Fall gar nicht für Kinder entscheiden, sei die Zuwendung für Pflegekinder und deren Eltern besonders wichtig, findet die Heilpädagogin.

Charlotte Linke hat ein großes Herz und Ziel: „Wir müssen immer wieder zusammenwachsen. Wie in einer richtigen Familie eben.“ Polarisierend wirke da der Haushund. Es gebe Krach und Streit, Familienfeste, Liebeskummer, Pubertät, Pflichten im Haushalt und auch schlechte Zensuren und vor allem für jedes Familienmitglied Regeln. Gerade die seien für viele Pflegekinder neu. Nicht immer passen Pflegekinder in die neuen Familien, auch wenn die noch so liebevoll sind.

Dreimal habe Charlotte Linke bisher die Handbremse gezogen. Die bitterste Enttäuschung erlebt sie einmal kurz vor Weihnachten, als eines ihrer Pflegekinder sie bestiehlt. „Es war das Geld für die Geschenke. Das war bitter“, erzählt sie. Dennoch ist sie Pflegemutter geblieben. Schlimmer noch als solche kindlichen Verfehlungen empfindet sie verächtliche Urteile von Erwachsenen. Manche Freunde hätten sich abgewendet. Damit könne sie mittlerweile leben. Es regt sie auf, wenn über ihre Kinder als „von denen da“ geredet wird, die Lärm und Dreck machen. „Das kann ich nicht ab“, meint sie stolz und trotzig. „Da stehe ich voll vor meinen Kindern.“ Eine Meinung, die sie wohl mit allen Pflegeeltern teilt. Am vergangenen Wochenende war sie unter 51 Müttern und Vätern und über 70 Mädchen und Jungen im Alter zwischen einem und 18 Jahren auf dem Pferdehof der Pflegeeltern Diana und Jürgen Käsler in Kreischau – beim jährlichen Kinderfest, das seitens des Vereines und des Jugendamtes zur Tradition werden soll. Während Charlotte Linke mit anderen Eltern plaudert, stürmt eines ihrer Mädchen ran: „Mutti, Mutti, komm doch mal.“

Quelle: Artikel „Normaler Alltag für Pflegekinder“ von Petra Wozny in Mitteldeutsche Zeitung vom 18.05.09

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