Pflegefamilie statt Heim: Stadt Wuppertal soll 5 Millionen sparen
Acht neue Mitarbeiter für die Jugendhilfe – dafür Einsparungen an anderer Stelle.
Wuppertal. Der Spardruck erreicht das Jugendamt. Laut einem Gutachten der con-sens Unternehmensberatung kann die Stadt im Ressort Kinder, Jugend und Familie jährlich etwa 7,5 Millionen Euro einsparen. Diese Untersuchung hatte die Stadt bereits 2007 beschlossen. Die Gründe: Die extrem hohe Arbeitsbelastung der Mitarbeiter und die hohen Fallzahlen. Durch den Bericht der Gemeindeprüfungsanstalt 2008 – bei der Jugendhilfe wurde ein jährliches Sparpotential von 16,5 Millionen Euro ermittelt – und auch durch den Tod des Pflegekindes Talea erhielt das Gutachten eine viel höhere Brisanz.
Das Ergebnis der Prüfung: In den nächsten zwei bis fünf Jahren sollen mehr Kinder in Pflegefamilien, statt in teuren Heimen und stationären Einrichtungen untergebracht werden. Bisher gibt es in Wuppertal 350 Pflegestellen, mittelfristig sollen 100 zusätzliche eingerichtet werden. Derzeit leben 37 Prozent der Kinder in Pflegefamilien. Das ehrgeizige Ziel, wie es etwa in Dortmund bereits umgesetzt ist: Jedes zweite Kind, das nicht bei seiner Herkunftsfamilie aufwächst, soll in einer Pflegestelle leben. Damit könnte die Stadt langfristig jährlich etwa 5,5 Millionen Euro sparen. Die Änderung soll allerdings nur für neue Fälle gelten.
Wegen des Falls Talea stand das Jugendamt in der Kritik. Das Pflegekind starb am 18. März 2008. Die Ex-Pflegemutter der Fünfjährigen wurde wegen gefährlicher Körperverletzung mit Todesfolge und Misshandlung von Schutzbefohlenen zu acht Jahren Haft verurteilt. Das Urteil ist nicht rechtskräftig, die Frau befindet sich weiter in U-Haft. Staatsanwaltschaft und Gericht haben jedwede strafrechtliche Verantwortung des Jugendamtes ausgeschlossen.
Aus dem Fall Talea zog das Jugendamt Konsequenzen für das Anerkennungsverfahren potenzieller Pflegeeltern. Zukünftig müssen nicht nur die Pflegeeltern, sondern auch deren Kinder ihre gesundheitliche Eignung per amtsärztlicher Untersuchung unter Beweis stellen. Und: Künftig sollen die Pflegeeltern gebeten werden, den Kinderarzt bei Anfragen des Jugendamtes von der Schweigepflicht zu entbinden.
Pflegefamilien sollen enger betreut werden
Fraglich ist allerdings, ob sich der Vorschlag so leicht umsetzen lässt: Schon immer sei es schwierig gewesen, passende Pflegefamilien zu bekommen – so die Stadt. „Wir wollen gezielt geeignete Familien ansprechen“, sagt Sozialdezernent Stefan Kühn.
Wie die Einsparung umgesetzt werden soll, ohne dass die betroffenen Kinder darunter leiden? Für die Betreuung der Pflegefamilien sollen zwei zusätzliche Stellen eingerichtet werden, die Mitarbeiter sollen die Familien so enger betreuen können. Außerdem soll es für die Pflegefamilien zusätzliche Schulungen, regelmäßige Treffen und eine bessere Ansprechbarkeit auf Seiten des Jugendamtes geben. Zudem soll die Betreuung von Herkunfts- und Pflegefamilien zukünftig in einer Hand liegen.
Weitere Spar-Vorschläge: Nach Inobhutnahmen sollen die Kinder kürzer in stationären Einrichtungen untergebracht werden. So will die Stadt jährlich 200 000 Euro sparen. Außerdem will man teure Maßnahmewechsel, wie beispielsweise den Austausch eines Förderprogrammes durch ein anderes, verhindern. Sparfaktor: 1,8 Millionen Euro jährlich.
Um die Arbeit in der Jugendhilfe zu verbessern, schlägt con-sens klarere Entscheidungssstrukturen vor. Außerdem müssten die Sprechzeiten der Jugendamts-Mitarbeiter erweitert werden. Nach dem Bericht sind in den Bezirkssozialdiensten bis zu acht Stellen zusätzlich notwendig. Da die Stadt dafür kein Geld hat, muss an anderer Stelle innerhalb des Ressorts und in der Verwaltung gespart werden. In welchem Bereich steht noch nicht fest, die Entscheidung fällt in den nächsten Monaten.
Übrigens: Auf Überlastungsanzeigen der Mitarbeiter geht der Bericht nicht ein. Allerdings wird angemerkt, dass die Fluktuation bei den Bezirkssozialdiensten aus unterschiedlichen Gründen hoch ist.
Quelle: Artikel von Nikola Dünow in Wuppertaler Zeitung vom 09.06.09



