Artikel: Kinder in Not – Emmas Bett

Posted on Juni 25, 2009. Filed under: Hessen, Jugendhilfe, Pflegefamilie, Publikationen | Tags: , , , , |

Als Emma in den Kindergarten kommt, ist das ein großer Tag. Natürlich. Bevor sie sich jedoch auf die vielen anderen Mädchen und Jungen einlässt, beschäftigt sie vornehmlich eine Frage, ängstlich an ihre Pflegemutter geklammert: „Gibt es hier Betten?“

Es folgt ein Rundgang mit der Mama und der Erzieherin. Es folgt Emmas Erkenntnis, dass es nirgends eines dieser Dinger zum Schlafen gibt. Denn ein Bett ist für Emma nicht nur ein Bett, sondern auch ein Symbol des Schreckens. Ein Symbol fürs Umziehen und für Ungewissheit. Für dieses so schwere Gepäck in ihr, von dem vieles nur zu erahnen ist. Ein Bett, das ist auch Angst.

Emma Krüger (alle Namen geändert, die Red.) lebt in Liederbach im Main-Taunus-Kreis. Die Fünfjährige ist ein fröhliches Mädchen, wenngleich ausgestattet mit einer überlebenswichtigen Skepsis, die den Wunden geschuldet ist, die ihr das kurze Leben schon beschert hat. Vater weg, Mutter weg, Drogen im Spiel, keiner wollte sie. Doch ihre neuen Eltern wollten sie schon. Und wie.

Kinder, Kinder. Den Krügers waren die zunächst versagt, also leiblich. Doch wer das Paar erlebt, Verwaltungsfachmann er, Erzieherin sie, beide Anfang vierzig, denkt und empfindet spontan: Verdammt noch mal. Warum konnte ausgerechnet dieses liebevolle Paar keine Kinder kriegen?

Doch nun haben sie ja Emma, und das seit drei Jahren schon. Und mittlerweile noch ein zweites Kind, Nicola. Die freche Schwarzgelockte ist vier. „Nicola hat Emma das Kuscheln beigebracht“, sagt Martina Krüger. „Sie lieben sich“, befindet Thomas Krüger. Recht hat er. Die Kleinen toben.

Eine Familien-Idylle, wahrlich. Und ein Idealfall. Clenda Scharf, Gruppenleiterin im Jugendamt des Main-Taunus-Kreises in Hofheim, lobt. Da ist von Nach-Beelterung die Rede, womit gemeint ist, dass Pflegekinder ein Baby-Vorleben haben, das ihnen nach der Geburt keinen wohligen Zugang in die Welt ermöglichte. Da sind Supervision, Schulungen der Pflegeeltern und vieles mehr ein Thema. Die Krügers sprechen davon gelassen.

Weil sie Emma, weil sie Nicola haben. Weil sie sich gut betreut vom Jugendamt fühlen, und vor allem: Sie lieben ihre Pflegekinder. Punkt und Kuss. Tatsächlich?

Es war ein langer Weg zum Pflegekind. Die Krügers können von der Annäherungsphase erzählen, vom Weinen, vom Halten, vom fehlenden Urvertrauen der beiden Mädchen, das es zu überwinden galt. Und sie haben es geschafft, mit allen erwartbaren Rückschlägen. Die gibt es zwar in allen Familien, aber es scheint so, als ob es Pflegeeltern doppelt träfe. Denn sie schultern, was sie selbst quasi gar nicht angerichtet haben.

Die Krügers können viel berichten vom Drogenentzug direkt nach der Geburt ihrer Kinder, obwohl sie nicht dabei, aber mit den Folgen konfrontiert waren. Sie berichten von schlechten Zähnen, Verwahrlosung und anderem Übel. Thomas Krüger sagt: „Emma war unten.“ Seine Frau ergänzt: „Es kommt immer auf das Kind an, und wir haben es geschafft, es braucht nur zugewandte Geduld.“ Bei den Krügers will jeder Kind sein.

Bis heute pflegen die selbst gewählte Mama und der selbst gewählte Papa den Kontakt zu Emmas und Nicolas leiblichen Verwandten, wann immer das nur geht.

Expertin Scharf spricht von den standardisierten Auswahlverfahren von Pflegeeltern, vom ersten Fragebogen an über Bewerbergespräche bis hin zu Vorbereitungswochenenden mit Jugendamt und dem Allgemeinen Sozialen Dienst, bis es schließlich um ein konkretes Kind geht. Um ein Kind, das nicht mehr bei seinen leiblichen Eltern bleiben kann. Ein Kind muss raus. Weil die Eltern süchtig sind, weil sie es verwahrlosen lassen oder schlagen, weil sie es misshandeln oder missbrauchen. Das, da sind sich die versammelten Erwachsenen sicher, sei wichtiger, als einen Konzern oder sonstwas zu retten. Es geht ums Leben.

Wie aufregend und anders es ist, nach dem Foto von einem Kind diesem tatsächlich und leibhaftig ins Gesicht zu sehen und mit ihm in der Anbahnungsphase probeweise und unter professioneller Aufsicht zu spielen, das lässt die Krügers bis heute aufgeregt lächeln. Emma war vorsichtig. Kinder, zumal verletzt, sind emotional sehr klug. Schon aus Selbstschutz. „Sie hat uns geprüft“, sagt Papa Krüger. Inzwischen sitze sie nicht mehr stocksteif auf dem Schoß der Eltern. Anfangs war das so, urteilt Papa. Eine Ganzkörper-Angst. Nun jedoch weiß Emma: Ich werde gehalten.

Auch wenn im Vorfeld viel vom Bewerberprofil die Rede und nach Hausbesuchen geklärt ist, ob ein Paar ein Kind aufnehmen kann, so gilt zuerst, wie Clenda Scharf es formuliert: „Das Kind kann seine Geschichte, die wir nie genau kennen, nicht abschütteln. Es hat zwei Mamas und zwei Papas, falls der leibliche Vater nicht ohnehin von vorneherein weg war. Und ob es in die neue Familie passt, das wissen wir nie genau.“

Kein Kind ist zu standardisieren.

Es gibt Pflegegeld und altersgestaffelte Pflegesätze, doch die Krügers hat Geld gewiss nie motiviert. „Ich liebe Menschen“, sagt die selbst gewählte Mutter. „Dazu gehört auch, dass ich die leiblichen Eltern bei allen ihren Fehlern nicht verurteile. Die können vielleicht ganz andere Dinge, die ich nicht kann.“ Sie ist eine sanfte Frau mit klugen Augen und starken Händen. Und ihr Mann ist einer, der nur spricht, wenn er sich sicher wähnt. Wenn es um Emma und Nicola geht, da ist seine Stimme fest und die Augen leuchten. Ein Papa wie ein liebevoller Löwe.

„Vollzeit ist Vollzeit“, sagt Clenda Scharf im Gegenschnitt zu den notwendigen Hauruck-Szenarien der Bereitschaftspflege. Über Nacht sei da mitunter ein Kind aus der Familie zu holen, um es zu retten. Da jedoch oberstes Ziel sei, dem Kind weitere Wechsel zu ersparen, einem Kind, das im vorsprachlichen Alter schon mehr mitgemacht habe, als es sich mancher Erwachsene auszumalen vermöge, gilt nach den Worten der Sozialarbeiterin: „Es sollte möglichst passen.“

Die Krügers haben mit Emma gespielt. Sie haben die vorübergehenden Pflegeeltern noch einmal und noch einmal besucht, bis das Mädchen probeweise und dann ganz zu ihnen kam. Aus allen ihren Worten über Emma und Nicola klingt heraus, wie sehr sie sich über jede Entwicklungsphase bewusst sind. Über Erziehung. Eine Liebesgeschichte.

Kein Klagen ist darüber zu hören, wie dieses Paar seinen Urlaub aufsparte, um sich Emma und später dann Nicola anzunähern. Wie es taumelnd vor Müdigkeit nachts noch Berufliches regelte, um tagsüber fit für diesen großen, so sorgsam behördlich überwachten Traum vom Kind zu sein.

Wozu nur ist das alles gut? Martina Krüger erzählt davon, wie Emma und Nicola zusammenhalten. „Das war ein Glücksfall mit den beiden“, sagt sie. Klar, ein Foto muss raus. Hinreißend. Ihr Mann Thomas strahlt. Wenn Emma die Hände knete, sei irgendwas los, das weiß er. Dann frage er nach. Nicola schreie eher, um ihre Bedürfnisse zu formulieren. Emma richte es nach innen. Papa hilft.

Stressig, wild und bewegt: Eine echte Familie.
Emma weiß endlich ganz genau, wo ihr Bett steht.

Quelle: Artikel von Petra Mies in Frankfurter Rundschau vom 24.06.09

Zur Verdeutlichung:
Graphische Darstellung der Zahl der Schutzmaßnahmen von Kindern und Jugendlichen (vollständiger und teilweiser Entzug der elterlichen Sorge) in den Jahren 2007 und 2008 in Hessen

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