Kinderärzte: „Kindeswohl wichtiger als Datenschutz“

Posted on Juli 7, 2008. Filed under: Fachkräfte, Gesundheit, Jugendhilfe, Kinderschutz, Politik, Rechtliches, Stellungnahmen | Schlagwörter: , |

Die Kinder- und Jugendärzte verlangen einen gelockerten Datenschutz bei Verdacht auf Kindesmisshandlung oder -vernachlässigung. Es müsse in solchen Fällen möglich sein, Hilfe einzuschalten, ohne vorher die Eltern zu fragen

(KNA) Der „Neuen Osnabrücker Zeitung“ sagte Verbandspräsident Wolfram Hartmann, die Medizinerinnen müssten auch bei einem vagen Verdacht handeln können, ohne dass man ihnen die Verletzung der ärztlichen Schweigepflicht vorwerfe. „Es muss eine Lockerung des Datenschutzes im Interesse des Kindeswohls geben“, betonte Hartmann.

Von der Bundesregierung verlangte der Verbandspräsident, die Inhalte der Vorsorgeuntersuchungen von Kindern zu verbessern. „Auf die Verhinderung von Kindesmisshandlung und Kindesvernachlässigung wird bisher überhaupt kein Wert gelegt“, kritisierte er. Nötig sei bei Kindern nicht in erster Linie ein Programm zur Früherkennung von Krankheiten, sondern ein Programm zu deren Verhinderung. Hartmann hielt den Krankenkassen vor, sie blockierten eine entsprechende Weiterentwicklung dieser Untersuchungen, weil sie eine Kostenexplosion bei der Verordnung von Heilmitteln befürchteten.

Der Präsident des Berufsverbands der Kinder- und Jugendärzte sprach sich zudem für mehr staatliche Hilfen zugunsten von Schwangeren und Müttern aus. Jungen Frauen müsse vermittelt werden, dass ihre Probleme lösbar seien. So könne vermieden werden, „dass junge Mütter ihre Kinder töten, in Gefriertruhen aufbewahren oder ihre Schwangerschaft verheimlichen“.

Die Frauen müssten wissen, dass sie notfalls anonyme Hilfe von außen erhielten, falls sie keinen Rückhalt in ihrer Familie hätten. Die Zahl der Eltern, die mit der Erziehung ihrer Kinder überfordert sind, hat nach Einschätzung des Verbandspräsidenten zugenommen. „Wir haben heute Eltern, die sich in ihrem eigenen Leben nicht zurechtfinden, die Ausbildungs- und Bildungsmängel haben, die häufig arbeitslos oder suchtgefährdet sind“, sagte Hartmann. Der Staat müsse auch Kindern dieser Eltern die Möglichkeit zur Entwicklung geben. Hartmann verlangte, dass alle Neugeborenen von Mitarbeitern/Mitarbeiterinnen des Jugendamts oder des Gesundheitsamtes aufgesucht werden, um Risikostrukturen rechtzeitig zu erkennen und den Familien niedrigschwellige Hilfen anzubieten. In Extremfällen müsse ein Kind aus der Familie herausgenommen werden. „Kinder sind kein Besitztum der Eltern, sondern Persönlichkeiten mit eigenständigen Rechten“, betonte er.

Quelle: Neue Osnabrücker Zeitung vom 17.06.08

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