Artikel: Berlin – „Ein Kind zu retten kostet 118 Euro“

Posted on Dezember 5, 2008. Filed under: Berlin, Finanzielles, Jugendhilfe, Politik | Schlagwörter: , , |

Auszüge aus dem Artikel „Ein Kind zu retten kostet 118 Euro“ in Welt-online vom Joachim Fahrun vom 1. Dezember 2008:

Bezirksvergleich des Finanzsenators legt die wahren Kosten staatlicher Dienstleistungen offen

Die kommunalen Dienstleistungen der zwölf Berliner Bezirke haben im vergangenen Jahr nicht weniger als 4,2 Milliarden Euro gekostet. Jeder fünfte Euro, den das Land ausgegeben hat, floss nach neuesten Zahlen der Berliner Finanzverwaltung in Service für den Bürger. Die Angebotspalette reicht von der Ausgabe von Ausweisen über die Pflege von Grünflächen bis zur Betreuung problematischer Jugendlicher.

Als Finanzsenator Thilo Sarrazin (SPD) vor sieben Jahren erstmals den alle Kosten vom Personal bis zu den Gebäuden beinhaltenden Vergleich zwischen den Leistungen der Bezirke vorlegte und dabei enorme Kosten-Unterschiede zwischen den Bezirksämtern diagnostizierte, musste er sich von vielen Kommunalpolitikern Kritik anhören. Die Daten seien nicht vergleichbar, die Verhältnisse zu verschieden, um aus den Zahlen Grundlagen für die künftige Finanzzuweisung an die Bezirksrathäuser abzuleiten. In der achten Ausgabe der Vergleichsstudie wird aber deutlich: Die Ausschläge werden vor allem für eher standardisierte Vorgänge wie das Ausstellen eines Reisepasses oder die Pflege eines Straßenbaumes geringer, die Kosten der Bezirke nähern an. Anders sieht es für eher qualitative Leistungen wie eine Baugenehmigung oder eine Beratung im Bürgeramt aus. Hier differieren die Kosten noch beträchtlich.

Für Politik und Bürger ist es hilfreich zu erfahren, wie viel Steuergeld oft geforderte Leistungen des Staates tatsächlich verschlingen. So schlägt es mit 118 Euro zu Buche, wenn ein Jugendamt ein Kind in Obhut nimmt, es also aus einer verdreckten Wohnung befreit oder vor prügelnden Angehörigen rettet. Hier gehen die Bezirke aber offenbar noch sehr unterschiedlich vor, denn die Kosten pro Fall variieren zwischen 205 Euro in Spandau und 61 Euro in Lichtenberg. Sollte sich aus der Intervention der Kinderschützer ein Heim-Aufenthalt mit 24-Stunden-Betreuung ergeben, fallen pro Tag nochmals 128 Euro an. Ein Platz in einer Pflegefamilie schneidet mit 42 Euro deutlich kostengünstiger aus.

Der Vergleich der Finanzer zeigt aber auch, wie viel günstiger freie Träger soziale Dienste erbringen als die Bezirke selbst. Eine Stunde „allgemeiner Kinder- und Jugendförderung“ etwa in Jugendklubs oder bei Veranstaltungen kostet in bezirklicher Regie 52 Euro, in freier Trägerschaft 31 Euro. Deutlich wird zudem, wie uneinheitlich Bezirke handeln. Während Treptow-Köpenick fast jedes seiner Neugeborenen besuchen lässt, damit die Mitarbeiter sich von den familiären Verhältnissen überzeugen und den jungen Eltern eventuell Hilfe anbieten können, schafft Spandau das nur bei jedem vierten Baby und Neukölln bei jedem dritten. Berlinweit schafften es die Jugendämter immerhin, fast zwei von drei Neugeborenen zu sehen und die Eltern zu beraten. Jeder dieser Kontakte, die vielen Experten als wichtiger Beitrag zum Kinderschutz gelten, kostete im Mittelwert 127 Euro, 7,6 Prozent weniger als im Vorjahr. Deutlich sichtbar wird auch, wie einzelne Bezirke ihre Anstrengungen verstärkt haben: Tempelhof-Schöneberg steigerte seine Beratungsquote von 59 Prozent 2006 auf 74 Prozent 2007, Charlottenburg-Wilmersdorf kam nach 46 Prozent nun auf 63 Prozent.

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