Landkreis Lörrach – Artikel: „Bevor das Kind im Brunnen liegt“

Posted on März 24, 2009. Filed under: Baden-Württemberg, Fachkräfte, Jugendhilfe, Kinderschutz, Pflegefamilie, Publikationen | Schlagwörter: , |

LÖRRACH. 52 „Inobhutnahmen“ gab es landkreisweit vergangenes Jahr – also Fälle, in denen Kinder und Jugendliche vorübergehend oder endgültig aus der Familie herausgenommen wurden. Das waren erheblich mehr als in den Jahren zuvor: 20-mal hat das Jugendamt 2007 in dieser Weise reagiert, 11-mal 2006. Im Jahr 2005 wurden 14 Kinder und Jugendliche in die Obhut des Jugendamtes genommen. Überrepräsentiert sind Kinder Alleinerziehender.

Die Aufmerksamkeit für eine mögliche Kindeswohlgefährdung ist eindeutig größer geworden, sagt Sozialdezernentin Elke Zimmermann-Fiscella. Erzieherinnen und Erzieher, Lehrer und Lehrerinnen, Mitarbeiter von Beratungsstellen, Ärzte, auch Nachbarn sind sensibler geworden, seit deutschlandweit immer wieder über tragische Fälle berichtet wurde. Wird ein Fall gemeldet, mit dem das Amt noch nicht zu tun hatte, werden zunächst Informationen eingeholt, es erfolgt eine Ersteinschätzung im Team. Nie werde ein Kollege oder eine Kollegin mit einem solchen Fall allein gelassen, betont die Sozialdezernentin – und nie schwebe die Einschätzung im luftleeren Raum. Das Jugendamt nutzt für die Risikoabschätzung ein standardisiertes Verfahren, gehandelt wird „zeitnah“.

Es ist viel in Bewegung geraten beim Thema Kindeswohlgefährdung, sagt die Sozialdezernentin – auch im Kreis. Ziel sei, schildert Elke Zimmermann-Fiscella, „das Netz immer fester zu knüpfen, damit kein Kind durchfällt“. Ziel ist auch, auf der Grundlage eines klaren Konzeptes zu handeln und möglichst alle Beteiligten fortzubilden, „damit alle vom Gleichen sprechen“. Paragraf 8a des Sozialgesetzbuches VIII, der seit 2005 den Schutzauftrag bei Kindeswohlgefährdung definiert, gebe Handlungsschritte vor und sei damit ein gewisser Schutz für alle Beteiligten.

Längst nicht jede Inobhutnahme, die manchmal auch auf die Initiative jugendlicher Kinder geschieht, läuft auf eine dauerhafte Trennung hinaus, sagt Karin Kröner, Sachgebietsleiterin der Sozialen Dienste. Sie schafft aber Luft, möglichst im Kontakt mit den Familien Sachverhalte zu klären. Die „Rückführung“ in die Familie werde grundsätzlich angestrebt und oft erreicht. 2008 endeten 17 der 52 Fälle, ohne dass eine weitere Hilfe zur Erziehung vereinbart wurde – das Kind, der oder die Jugendliche kam zurück in die Familie; manchmal zum anderen Elternteil oder Großeltern. In den übrigen 35 Fällen war mehr nötig. Teilweise kam das Kind in die Familie zurück und es wurden Erziehungshilfen vereinbart, andere kamen in eine Jugendhilfeeinrichtung oder eine Pflegefamilie. Auch dies ist längst nicht immer das letzte Wort. Oft kehren die Kinder später zu den leiblichen Eltern zurück, mit denen der Kontakt nach Möglichkeit nie abreißen sollte. Das ist für die Herkunfts- wie für die Pflegefamilien nicht selten konfliktträchtig. Doch „die Bedürfnisse des Kindes stehen im Mittelpunkt“, betont die Sozialdezernentin.

Schwieriger seinen naturgemäß jene Fälle, in denen die Eltern nicht kooperativ seien – so oder so aber sei jeder Fall anders, betont Karin Kröner. Die richtige Entscheidung zu treffen, sei „eine große Herausforderung“ und nicht selten eine Gratwanderung. Wie man das Risiko einschätzt, dass auch mal ein Kind ohne triftigen Grund aus der Familie genommen werde? „Sie können sicher sein, dass wir uns das in jedem Fall ganz genau überlegen“, sagt Zimmermann-Fiscella mit Nachdruck. Bei der Einschätzung müsse man, zitiert sie, „die Mittelschichtsbrille ausziehen und die Kinderschutzbrille an“ – nicht in jedem Haushalt, den man als ungeordnet empfinde, sei gleich das Kindeswohl gefährdet.

Dazu gehört mehr, und viele Schritte sind einem Kindesentzug vorgelagert. Gutachter, Ärzte, das Sozialgericht sind involviert. Entscheidend sei, die gewachsene Sensibilität aller Beteiligten „fachlich zu untermauern“, fasst Jugendamtsleiter Siegfried Wild zusammen – eine Fachtagung vergangenes Jahr diente dazu, das Interesse war überwältigend. Die Fortbildung geht weiter: Dieser Tage ist der nächste Workshop. Entscheidend sei, sagt Zimmermann-Fiscella, früh zu erkennen, wo sich Probleme anbahnen, und aktiv zu werden, „bevor das Kind in den Brunnen gefallen ist“. Das Jugendamt biete sich als Helfer an – das werde häufig noch nicht so gesehen.

Quelle: Artikel von Sabine Ehrentreich aus Badische Zeitung vom 21.03.09

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