Artikel „Verwahrloste Kinder: Warum die Jugendämter so hart durchgreifen“

Posted on Juli 6, 2009. Filed under: Jugendhilfe, Politik, Publikationen, Rechtliches, Stellungnahmen | Schlagwörter: , , , , , |

Warum nehmen Jugendämter immer häufiger Kinder in ihre Obhut? Die Familienministerin warnt die Behörden vor Leichtfertigkeit. Doch die Mitarbeiter stehen oft vor dem Dilemma, dass sie nie zu spät, aber auch nicht zu früh handeln dürfen. Zudem stehen sie bei der dauerhaften Betreuung von Kindern vor großen Problemen.

Als im Oktober 2006 die Leiche eines zweijährigen Kindes in der Kühltruhe seines drogensüchtigen Vaters in Bremen gefunden wurde, stand das Land unter Schock. Seither steht der Name Kevin nicht nur für das Versagen sozialer Schutzmechanismen, sondern auch für das Versagen staatlicher Stellen. Denn Kevin starb gewissermaßen unter staatlicher Aufsicht – Behörden wussten um den Misshandlungsverdacht und die Rauschgiftsucht und Alkoholexzesse der Mutter und des Ziehvaters. Geholfen hat das Kevin nicht. Die Anklagen gegen zwei Mitarbeiter des Jugendamts laufen, über die Eröffnung der Hauptverhandlung soll bald entschieden werden.

Die nun vorgestellten Zahlen zur sogenannten Inobhutnahme von Kindern werden erst vor dem Hintergrund des Falls Kevin verständlich. Die Jugendämter nehmen demnach immer mehr Kinder und Jugendliche kurzfristig zum Schutz aus ihren Familien. Die Zahl der Inobhutnahmen stieg 2008 um 14,4 Prozent auf 32.300, wie das Statistische Bundesamt mitteilte. Im Vergleich zum Jahr 2005 war dies eine Steigerung um 26 Prozent.

„Die Behörden sind in einem großen Dilemma“, sagte der ärztliche Direktor der Kinder- und Jugendpsychiatrie der Universität Tübingen, Gunther Klosinski, WELT ONLINE. „Handeln sie zu spät, werden sie öffentlich an den Pranger gestellt, handeln sie zu früh, schaden sie womöglich dem Wohl des Kindes durch die Herausnahme.“ Klosinski, der auch als Gutachter für Familiengerichte tätig ist, hat den Eindruck, dass Behörden bei fraglichen grenzwertigen Gefährdungen des Kindeswohls schneller mit Herausnahme reagieren als früher.

Familienministerin Ursula von der Leyen wertet die gestiegenen Zahlen denn auch nicht als Erfolg. „Ein Kind aus der Familie zu holen ist ein schwerwiegender Eingriff für die Eltern wie für die Kinder und darf deswegen immer nur am Ende einer Kette von Prozessen stehen“, sagte die Ministerin WELT ONLINE. Sie mahnt die Jugendämter, sich stärker an drei Grundregeln zu orientieren. „Keine einsamen Entscheidungen, sondern immer das Mehraugenprinzip. Immer das Kind anschauen und nicht darauf vertrauen, was die Akte sagt. Hausbesuche, wo solche fachlich geboten sind.“

„Kinder viel zu lange in Inobhutnahme“
Auffallend ist – und auch hier wirft der Fall Kevin seine Schatten – eine starke Zunahme von Inobhutnahmen bei Kindern unter drei Jahren. Gerade diese Fälle machen in der Praxis aber große Probleme. Denn eine Inobhutnahme ist eigentlich als kurzfristige Maßnahme gedacht; die Kinder kommen meist in eine Familie, etwa die eines Sozialarbeiters, oder in ein Heim. Was auf Stunden oder Tage ausgelegt ist, dauert jedoch häufig Wochen oder gar Monate. Der Direktor des Evangelischen Erziehungsverbands, Wilfried Knorr, kritisiert, dass sich der Blick von Politik und Öffentlichkeit nur auf den Moment des Skandals richtet und die Nachsorge vernachlässigt. „Die Weitervermittlung funktioniert nicht. Die Kinder sind viel zu lange in der Inobhutnahme“, sagt Knorr.

In den 90er-Jahren sind viele Heime geschlossen worden, weil sich der Fokus der Familienpolitik hin zur Betreuung der Kinder in ihren Familien verschob. Angesichts dramatischer Fälle hat die Politik bereits 2005 das Kinder- und Jugendhilfegesetz verschärft, mehr Fälle werden seither angezeigt, doch nun gibt es zu wenige Heime und Betreuungseinrichtungen für die Kinder. Knorr fordert von der Politik deshalb, die Jugendhilfe nicht länger nur als Haushaltsbelastung zu sehen. „Die Familienpolitik muss den Kommunen mehr Mittel an die Hand geben, damit die, nachdem ein Kind aus einer Familie genommen wurde, auch Anschlussmaßnahmen anbieten können.“

Daneben müsse die Betreuung von Kindern in den Problemfamilien intensiviert werden. Von ihnen gibt es immer mehr, auch dafür können die Zahlen des statistischen Bundesamtes stehen. „Immer mehr Eltern versagen und sind überfordert“, bilanziert Gunther Klosinski, was er in der Praxis erlebt. In 42 Prozent der Fälle ist Überforderung der Eltern der Grund für die Jugendämter, Kinder aus den Familien zu nehmen.

Experten halten es für dringend geboten, den Blick stärker den Eltern zuzuwenden und nicht nur die Kinder zu sehen. Doch der Gesetzgeber plant anderes. „Mit dem neuen Kinderschutzgesetz soll den Jugendämtern weiter Beine gemacht werden, was angesichts der aktuellen Zahlen unnötig ist“, sagt Thomas Meysen, Leiter des Deutschen Instituts für Jugend- und Familienhilfe in Heidelberg. Das Familienministerium plant eine Verschärfung der Meldevorschriften; noch mehr Inobhutnahmen könnten die Folge sein, so Meysen. Deshalb brauche man unbedingt mehr Prävention und Anschlussmaßnahmen, die Kindern und Eltern helfen.

Quelle: Artikel von Thomas Vitzthum in Welt online vom 25.06.09

Make a Comment

Kommentar verfassen

Trage deine Daten unten ein oder klicke ein Icon um dich einzuloggen:

WordPress.com-Logo

Du kommentierst mit Deinem WordPress.com-Konto. Abmelden /  Ändern )

Google Foto

Du kommentierst mit Deinem Google-Konto. Abmelden /  Ändern )

Twitter-Bild

Du kommentierst mit Deinem Twitter-Konto. Abmelden /  Ändern )

Facebook-Foto

Du kommentierst mit Deinem Facebook-Konto. Abmelden /  Ändern )

Verbinde mit %s

Liked it here?
Why not try sites on the blogroll...

%d Bloggern gefällt das: