Artikel „Wenn Eltern Täter sind“

Posted on Juli 15, 2009. Filed under: Fachkräfte, Gesundheit, Jugendhilfe, Kinderschutz, Netzwerke, Pflegefamilie, Politik, Publikationen, Rechtliches, Stellungnahmen | Schlagwörter: , , , |

Ein Gedankenspiel: Sie werden überfallen und zusammengeschlagen. Würde Sie jemand zwingen, danach mit dem Täter in Kontakt zu treten? Solche Fragen stellt der Kinderpsychiater Karl-Heinz Brisch, der die Abteilung Pädiatrische Psychosomatik und Psychotherapie an der Kinderklinik der Ludwig-Maximilians-Universität in München leitet, manchem Richter. Denn: Was Erwachsenen niemand zumutet, wird von Kindern oft verlangt. Sie werden misshandelt, vernachlässigt, dauerhaft geschädigt und müssen sich ihren Tätern trotzdem immer wieder aussetzen – wenn die Täter ihre Eltern sind.

Eigentlich hatte Matthias noch Glück im Unglück. Als er mit dreieinhalb nicht mehr regelmäßig in den Kindergarten kam, schritt das Jugendamt ein. Da war die Alkoholerkrankung seiner Mutter längst bekannt. Ein Jahr später ist Matthias viereinhalb und hat ein neues Zuhause bei Pflegeeltern gefunden. Ist jetzt alles in Ordnung? Es gibt Momente, in denen es der Pflegemutter die Sprache verschlägt. Zum Beispiel, als sie Matthias und seinen Geschwistern Süßigkeiten bringt und ausdrücklich sagt: „Für euch alle.“ Und alle greifen zu. Nur Matthias schaut misstrauisch: „Mama, ist das auch für mich?“ Seine Pflegemutter fühlt sich verletzt: Denken die anderen jetzt, Matthias werde benachteiligt?

In solchen Situationen ist es schwierig, richtig zu reagieren, sagt die Kinder- und Jugendlichenpsychotherapeutin Annette Schaal-Beyermann aus Lörrach. Da hilft nur, sich immer wieder neu klar zu machen: Ein Kind hat, bis es endlich aus seiner Ursprungsfamilie herausgenommen wird, vieles hinter sich, was es niemals hätte erleben dürfen. Es hatte keine Chance, Urvertrauen aufzubauen. Statt sich gekränkt zu fühlen, sollten Pflegeeltern stellvertretend für das Kind denken, „dolmetschen“, was hinter den Reaktionen steckt. Und zum Beispiel Matthias’ Ängste ernstnehmen und ihm sagen: „Das wäre ja gemein, wenn du nichts bekommen würdest, natürlich ist das auch für dich.“ Solche Herausforderungen müssen Pflegeeltern nicht einmal bestehen, sondern immer wieder neu. Nur dann kann langsam Heilung einsetzen.

Doch was ist, wenn Kinder immer wieder mit denen konfrontiert werden, die an ihren tiefen seelischen Verletzungen schuld sind? Es gibt extreme Beispiele. Wie das zweijährige Mädchen, dessen Eltern zum fünften Mal „eine Chance“ bekommen. Ihr Kind wird ihnen zurückgegeben – obwohl es viermal nicht geklappt hat und das Mädchen in der Zwischenzeit bei drei Pflegefamilien war. Kinderpsychologen beklagen seit einiger Zeit, was die Psychoanalytikerin und Jura-Professorin Gisela Zenz einen „Rückfall in den Biologismus“ nennt: Der alte Glaube, dass Kinder am besten bei ihren leiblichen Eltern aufgehoben seien, hat wieder Hochkonjunktur.

Das passt zum Sparwillen allerorten. Ab und zu eine sozialpädagogische Familienhilfe vorbeizuschicken ist deutlich billiger als die Probleme an der Wurzel anzugehen. Gisela Zenz vermutet zudem, dass Verantwortliche mit der Macht von Gesetzen Beziehungen gestalten wollen – unbewusst identifiziert mit den leiblichen Eltern. Die aber seien in der Regel schwer belastete, unglückliche Menschen, die vor Gericht alles bereuen und beteuern.

Grund genug, ihnen ein hilfloses Kind anzuvertrauen? Auf keinen Fall, warnen Gisela Zenz und Karl-Heinz Brisch. Abgesehen von wenigen Fällen, in denen sich Mütter und Väter in einer langen, gründlichen Psychotherapie mit sich auseinandergesetzt und wirklich verändert hätten. Ansonsten, sagt Gisela Zenz, „tut man dem Kind Unrecht und auch den Eltern keinen Gefallen“ – weil sie nicht anders können, als ihr eigenes Scheitern immer wieder zu wiederholen.

Es gibt auch Fälle, in denen sich psychologisch ungeschulte Richter vollends täuschen lassen. Wenn sie sehen, wie ein Kind auf den Vater zuläuft und der es liebevoll in die Arme nimmt. Dieser Vater soll ein Täter sein? Unmöglich. Da beginnt für Kinderpsychologen die mühsame Arbeit, zu erklären, dass ein Kind natürlich eine Bindung zu den Eltern hat. Sie kann aber pathogen sein, also krankmachend. Und dann muss sie schleunigst enden. Pathologische Eltern-Kind-Beziehungen sind in der Regel nicht auf den ersten Blick erkennbar, betont Karl-Heinz Brisch: Diese Kinder wünschen sich genauso Kontakt zu ihren Eltern wie alle anderen Kinder, sie lieben sie ja. Doch bei ihnen muss dieser Wunsch ganz anders bewertet werden: Denn nur wenn der Kontakt in dieser Form unterbrochen wird, kann das Kind neue, heilsame Bindungen eingehen – sonst bleibt es in seiner es schädigenden Fixierung gefangen. Das kann auch dann passieren, wenn ein Kind trotz Pflegefamilie immer wieder mit den leiblichen Eltern zu tun hat, was unter anderem Angst und Alpträume auslöst.

Mühsam ist es, jedes Mal von Neuem gegen verbreitete Mythen anzukämpfen. Gegen die Behauptung, Kinder würden einiges aushalten und es sei für sie weniger schlimm, körperliche oder emotionale Gewalt nur ansehen zu müssen, statt selbst geschlagen oder seelisch misshandelt zu werden. Denn das stimmt nicht, sagt Karl-Heinz Brisch: Ein Kind, das erlebt, wie der Vater die Mutter schlägt, hat genauso viel Angst und Schmerz, als wenn es selbst geschlagen würde. Auch die – dauerhaften – Folgen sind dieselben: psychische Traumatisierung, die sich zum Beispiel in Erstarrung, Ohnmacht oder der Abspaltung von Gefühlen zeigt.

Und es sind längst nicht nur die öffentlichkeitswirksamen Skandalfälle, die Kinder massiv schädigen: Auch Vernachlässigung hat dramatische Auswirkungen auf die Entwicklung des Gehirns. Das alles sei bei den Gerichten nicht wirklich angekommen, bilanziert Karl-Heinz Brisch: „Die warten viel zu lang.“

Das war einmal anders und kann sich auch wieder ändern, hofft Gisela Zenz: In den 1970ern und 1980ern hatten Kinderpsychologen großen Einfluss auf Gerichte und Behörden. Den könnten sie wieder zurückerobern, wenn sie sich deutlicher zu Wort melden würden.

Quelle: Artikel in Badische Zeitung vom 14.07.09

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