NRW: Sozialverbände legen Memorandum zur Kinderarmut vor

Posted on August 23, 2009. Filed under: Jugendhilfe, Kinderschutz, Nordrhein-Westfalen, Politik, Publikationen | Schlagwörter: |

Ein NRW-Bündnis aus AWO, Deutschem Gewerkschaftsbund, der Gewerkschaft Erziehung und Wissenschaft, dem Kinderschutzbund und dem Paritätischen Wohlfahrtsverband appelliert an die Politiker aller Ebenen endlich gemeinsam, abgestimmt und wirksam gegen die anhaltend hohe Armutsquote bei Kindern und Jugendlichen vorzugehen. Nordrhein-Westfalen könne es sich nicht leisten, fast 800.000 junge Menschen dauerhaft ins gesellschaftliche Abseits zu stellen. Ein von den Bündnispartnern vorgestelltes Memorandum zur Bekämpfung der Kinderarmut, das an Politiker aller Ebenen und Parteien verteilt werden soll, weist den Weg aus dem Teufelskreis Armut. Den Schlüssel zur Problemlösung sieht das Bündnis in einer präventiven Ausrichtung der Kinder- und Jugendhilfe und des Bildungssystems sowie in der Begleitung der Risikofamilien mit einer Präventionskette von der Geburt der Kinder bis zu ihrem Eintritt in das Berufsleben. Ebenso fordern die Bündnispartner eine existenzsichernde Grundsicherung für alle Kinder in Deutschland.

„Dieses Ausmaß an Armut in unserem reichen Land ist ein gesellschaftspolitischer Skandal sondergleichen und beschädigt das Ansehen Nordrhein-Westfalens! Arme Kinder leiden unter materiellen Entbehrungen sind häufiger krank und sozial isoliert und scheitern überdurchschnittlich häufig an unserem selektiv ausgerichteten Bildungssystem“, sagte Gunder Heimlich, Vorsitzender der Arbeiterwohlfahrt in NRW, in der Landespressekonferenz und fügte hinzu: „Ein Land mit sinkenden Einwohnerzahlen, das darüber hinaus bei Zuwanderern an Attraktivität verliert, gefährdet seine eigene Zukunft, wenn es das Potential so vieler junger Menschen brach liegen lässt, weil ihnen die notwendige Förderung versagt wird, die den Weg in Arbeit und gesellschaftliche Teilhabe ebnet.“

Der Sozialbericht 2007 der Landesregierung NRW habe die Warnungen vieler sozialer Organisationen bestätigt und jegliche Zweifel am wahren Ausmaß dieser gesellschaftlichen Problematik beseitigt. Trotz der Veröffentlichung dieser regierungsamtlichen Zahlen sei bisher aber so gut wie nichts geschehen. „Lediglich Betroffenheit zu zeigen, hilft nicht weiter. Wir brauchen dringend Investitionen in die Zukunft, die allen unseren Kindern Chancen auf eine gesellschaftliche Teilhabe eröffnen! Und diese Investitionen finanzieren sich zumindest teilweise fast wie von selbst, weil sie einen hohen Anteil der Kosten für Krisenintervention der Kinder- und Jugendhilfe von derzeitig 1,2 Milliarden Euro jährlich überflüssig machen“, erläuterte Heimlich.

Aus der Sicht von Dieter Greese, Vorsitzender des Kinderschutzbundes NRW, stellt sich das Land NRW mit seiner Tatenlosigkeit ein Armutszeugnis aus, das noch dadurch an Brisanz gewinnt, dass die UN-Konvention über die Rechte des Kindes bereits vor 20 Jahren verabschiedet worden ist. „Welch geringe Bedeutung wir in unserem angeblich so zivilisierten Land den Kindern beimessen, ist absolut unerträglich! Das Recht auf Bildung, Gesundheit, Gewaltfreiheit, ausreichende materielle Versorgung und Partizipation wird bei uns vielhunderttausendfach mit den Füßen getreten! Dabei müssten wir dem Vorrang des Kindeswohls – in unser aller eigenem Interesse – allerhöchste Priorität beimessen!“, empörte sich Greese. Statt bundesweit 5,5 Mrd. Euro jährlich für den Reparaturbetrieb Heimunterbringung von Kindern und Jugendlichen auszugeben, müsse in bedarfsgerechte frühe Prävention investiert werden.

Das dramatische Anwachsen des Niedriglohnbereichs und die hohe Arbeitslosigkeit sind für DGB-NRW Vorsitzenden Guntram Schneider die Hauptursachen für Familien in Armut. „Working Poor ist längst kein Fremdwort mehr in Nordrhein-Westfalen! Auf der Basis von prekärer Beschäftigung, auf Mini-Jobs, Leiharbeit und Niedriglöhnen lassen sich schlecht Familien gründen!“, stellte Schneider fest und bemängelte die „politische Prosa“, mit der immer wieder die Bedeutung der Kinder für die Zukunft herausgehoben werde, ohne aber ausreichend in Betreuung, Bildung und gesundes Aufwachsen in einem intakten familiären und sozialen Umfeld zu investieren. Für den DGB-Vorsitzenden ist die weit verbreitete Kinderarmut in Nordrhein-Westfalen eindeutig das Ergebnis falscher politischer Weichenstellungen und gesellschaftlicher Entwicklungen. Schneider: „Zur Bekämpfung der Armut brauchen wir dringend eine abgestimmte Politik zwischen Bund, Ländern und Kommunen. Was die eine Ebene an Verbesserungen beschließt, darf die andere Ebene nicht gleich wieder einkassieren oder als Vorwand nehmen, bei den eigenen Anstrengungen nachzulassen.“

zum Memorandum

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