Bereits über 1000 Anrufe und Briefe bei der Missbrauchsbeauftragten der Bundesregierung

Posted on Juni 18, 2010. Filed under: Adoptivfamilie, Fachkräfte, Kinderschutz, Netzwerke, Politik, Stellungnahmen, Verschiedenes | Schlagwörter: |

Seit April 2010 können sich Betroffene sexuellen Missbrauchs schriftlich und seit 28. Mai auch telefonisch unter der kostenfreien Rufnummer 0800-22 55 530 bei der Unabhängigen Beauftragten zur Aufarbeitung des sexuellen Kindesmissbrauchs melden.

„Sexueller Missbrauch ist kein Kavaliersdelikt“, so Dr. Bergmann, „das Ausmaß und die Massivität, mit der Kinder sexuelle Gewalt erleben, sind erschütternd. Dies muss gesellschaftlich geächtet werden. Tätertoleranz darf nicht länger vor Opferschutz stehen. Wir haben die Pflicht hinzusehen. Die telefonische Anlaufstelle stellt sich dem Anspruch, jedes einzelne Schicksal aufzunehmen, unabhängig davon, wo und in welcher Art der Missbrauch stattgefunden hat. Nur dadurch können wir die Strukturen und Strategien offen legen, die sexuellen Missbrauch möglich machen.“

Das Alter der bisherigen Anrufenden reicht von 17 bis 79 Jahre, das Durchschnittsalter liegt bei 50 Jahren. Bislang melden sich ebenso viele Frauen wie Männer. Unter ihnen auch Angehörige von Opfern, vor allem Mütter, deren Kinder sexuell missbraucht wurden, aber auch Täter, die in ihrer Kindheit zum Teil selbst Opfer sexuellen Missbrauchs geworden waren.

In zwei Drittel der bis jetzt berichteten Fälle hat der Missbrauch in Institutionen stattgefunden, davon rund die Hälfte in kirchlichen, vor allem katholischen Einrichtungen. Während Jungen häufiger in kirchlichen Einrichtungen missbraucht wurden, waren in therapeutischen Einrichtungen häufiger Mädchen von sexuellen Übergriffen betroffen. Etwa ein Drittel der Betroffenen berichten von sexuellem Missbrauch im familiären Umfeld oder im sozialen Nahbereich, wobei Frauen in ihrer Kindheit doppelt so häufig von Missbrauch in Familien betroffen waren wie Männer.

„Als Betroffener hat man lebenslänglich“
Fast 90 Prozent der Betroffenen geben außerdem an, dass sie Missbrauch wiederholt und/oder mehrfach erlebt haben. Betroffene haben „jahrelang gegen Wände geschrien“ oder wollten „diesen Klumpen“ loswerden, sind aber nicht gehört worden. Über 60 Prozent der Anrufenden haben sich noch nie jemandem anvertraut. Männer sprechen häufig von Ausbildungs- und Beziehungsabbrüchen, weil es ihnen nicht gelungen sei, Vertrauensbeziehungen aufzubauen. Frauen berichten, dass sie, solange sie familiäre Verpflichtungen hatten, gut funktioniert hätten, danach das Verdrängte aber plötzlich wieder an die Oberfläche gekommen sei.

Die Betroffenen fordern eine schonungslose Benennung der Täter und der Tat und eine Anerkennung des Unrechts. Jeder Hilfeschrei von Betroffenen, jede Erfahrung von Angehörigen helfe heute und in der Zukunft ein Kind vor sexuellen Übergriffen zu schützen. Das Recht der Kinder auf Schutz vor sexuellem Missbrauch sei bereits gesetzlich festgeschrieben, so Dr. Bergmann, und müsse endlich auch im öffentlichen Bewusstsein verankert werden.

Betroffene finden deshalb bei der telefonischen Anlaufstelle nicht nur Gehör und bei Bedarf Unterstützung durch kompetente Fachkräfte, sondern nehmen darüber hinaus durch ihre Beiträge zentral an der öffentlichen Diskussion zum Thema sexueller Missbrauch teil. Sind die Betroffenen damit einverstanden, werden ihre Anliegen und Botschaften anonymisiert dokumentiert und fließen in die Empfehlungen und Vorschläge der Unabhängigen Beauftragten für materielle und immaterielle Hilfen an die Bundesregierung und den Runden Tisch ein.

Die Botschaften von Betroffenen sind als Zitate auf der Homepage veröffentlicht. Die Internetseite www.beauftragte-missbrauch.de bietet die Möglichkeit, sich ein Bild über den Fortgang der Diskussion zum sexuellen Missbrauch aus Sicht der Betroffenen und der Gesellschaft zu machen.

Wissenschaftlich begleitet wird die Dokumentation der Anrufe und ihre Auswertung von Prof. Dr. Jörg M. Fegert, Ärztlicher Direktor der Klink für Kinder- und Jugendpsychiatrie/Psychotherapie des Universitätsklinikums Ulm, unterstützt wird sie durch einen wissenschaftlichen Beirat. Auch die schriftlichen Eingänge fließen in die Aufarbeitung des Themas durch die Unabhängige Beauftragte ein.

Quelle: Geschäftstelle der Unabhängigen Beauftragten zur Aufarbeitung des sexuellen Kindesmissbrauchs vom 15.06.2010.

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