Bericht vom Fortbildungstag zur Biografiearbeit in Recklinghausen

Posted on Juli 21, 2013. Filed under: Adoptivfamilie, Fortbildung, Jugendhilfe, Nordrhein-Westfalen, Pflegefamilie, Publikationen, Veranstaltungen | Schlagwörter: , |

Der Sozialdienst katholischer Frauen in Recklinghausen berichtet vom Seminar mit Birgit Lattschar vom 13.07. zum Thema „Biografiearbeit“:

Referentin Birgit Lattschar (Mitte) mit Sandra Baldschus (links) und Andreas Korte-Toffel vom SkF (Foto: SkF Recklinghausen)

„Ich weiß jetzt, wie wichtig es ist, mit meinem Kind ehrlich über seine Vergangenheit zu reden.“
Fortbildungstag für Pflege- und Adoptiveltern zur Biografiearbeit

Pflege- und Adoptivkinder haben viele Fragen, auch wenn sie sich nicht immer trauen, diese zu stellen: Warum wurde ich weggegeben? Warum leben meine Geschwister noch zu Hause? Hat meine Mutter mich nicht geliebt? Bin ich meinen Eltern ähnlich? Ist meine Mutter ein schlechter Mensch? Was habe ich von ihr geerbt? „Biografiearbeit ist eine Methode, die Lebensgeschichte eines Menschen zu thematisieren und so die Verarbeitung lebensgeschichtlicher Ereignisse zu fördern“, sagt Referentin Birgit Lattschar.

Eine besondere Herausforderung für Pflege- und Adoptivkinder ist es, von der eigenen Familie getrennt zu sein und gleichzeitig in eine neue Familie hineinzufinden. Viele können sich häufig gar nicht oder nur undeutlich an ihre eigene Vergangenheit erinnern. Und auf wichtige Fragen bekommen sie oft keine Antwort, zum Beispiel „Wie war das, als ich ein Baby war?“ oder „Welches Wort habe ich zuerst gesagt?“.

Bekannt ist mittlerweile, dass das Wissen um die eigene Geschichte Identität stiftet und hilft, die eigene Person anzunehmen. „Ich habe bis jetzt gedacht, es reicht aus, wenn ich meinem Kind ein Fotoalbum anlege, das damit beginnt, als es zu uns kam. Aber da fehlen ja drei Jahre seines Lebens“, sagt die Pflegemutter eines siebenjährigen Mädchens. „Wir haben ihr einmal erzählt, dass sie nicht in meinem Bauch war, mehr wollte sie gar nicht wissen.“

Birgit Lattschar vertritt die Haltung, dass wir nicht warten können, bis der Impuls zur Biografiearbeit vom Kind selbst kommt. Die Erwachsenen haben die Verantwortung auch für das Ansprechen schwieriger Wahrheiten und müssen dem Kind signalisieren, dass es die Fragen, die es sowieso hat, auch stellen darf. Irgendwann wird jedes Pflege- oder Adoptivkind mit seiner Herkunft konfrontiert. Es kommt nach Hause und sagt: „Ich brauche ein Babyfoto von mir“ oder „Wir sollen für die Schule einen Stammbaum machen“. Die Referentin rät den Eltern, diese Themen vorher mit den Kindern zu besprechen: „Hat dich im Kindergarten oder in der Schule schon mal jemand gefragt, warum du ein Pflegekind bist? Weißt Du, was du dann sagen kannst? Lass uns gemeinsam überlegen.“

Sie gibt einige Beispiele, wie Erwachsene auch erschütternde Geschichten kindgerecht und dennoch ehrlich erzählen können. Sie hat ein Bilderbuch mitgebracht, das Adoptiveltern für ihr Kind selbst gestaltet haben. Darin geht es um die Ente Felix, die als Küken ausgesetzt und dann an seine jetzigen Eltern vermittelt wurde. Die Geschichte des Kindes wird wahrheitsgemäß erzählt, aber so vermittelt, dass das Kind sie annehmen und damit leben kann. Entscheidend ist nicht die Frage, was ich meinem Kind erzähle, sondern wie ich etwas erzähle.

Deutlich wurde in der Diskussion, wie schwer es für die Bezugspersonen der Kinder ist, eine positive Haltung zu den ersten Eltern des Kindes zu haben, wenn man bedenkt, was die Kinder in deren Obhut Schlimmes erlebt haben. „Zumindest das Leben haben diese Eltern den Kindern geschenkt“, sagt Birgit Lattschar. „Wenn ich die leiblichen Eltern dafür wertschätze, zeige ich auch meinem Kind Wertschätzung.“

Eine Möglichkeit der Biografiearbeit ist das Erstellen eines Lebens- oder Erinnerungsbuches, das alles enthalten kann, was ich mit dem Kind zu seiner Geschichte mache – Vergangenheit, Gegenwart, Zukunft, Gefühle, Herkunftsfamilie, Pflegefamilie. Frau Lattschar hat viele Beispiele mitgebracht, die die Teilnehmer ermutigen sollen, das Thema gemeinsam mit ihrem Kind anzugehen. „Ich kenne kein Kind, das keine Lust hat, wenn es durch seine Pflegeeltern das Angebot bekommt, gemeinsam etwas zu seinem Leben zu basteln. Kreativität ist gefragt und es soll Spaß machen“, sagt die Referentin. Biografiearbeit ist keine Therapie, es ist wichtig, das Kind nicht zu überfordern und auf sein Tempo zu achten.

Das Seminar hat viele Ideen und Denkanstöße gegeben. „Ich weiß jetzt, wie wichtig es ist, mit meinem Kind ehrlich über seine Vergangenheit zu reden“, fasst eine Pflegemutter am Ende des Tages zusammen.

Die Weiterbildung war Bestandteil des Programms für Adoptiv- und Pflegeeltern, das der SkF Recklinghausen jedes Jahr zusammen mit dem Jugendamt auf die Beine stellt. „Wir sind froh, dass wir den Pflegeeltern diese Weiterbildung anbieten konnten und danken allen Mitgliedern, des Initiativkreises der Adoptiv- und Pflegeeltern, die durch ihren Beitrag diese Fortbildung ermöglicht haben“, sagt Giancarlo Cillis, Geschäftsführer des SkF. „Das Thema wurde auf Wunsch mehrerer Pflegeeltern in das Programm aufgenommen. Wir freuen uns, dass viele das Angebot angenommen und sich einen ganzen Tag lang mit dem Thema beschäftigt haben“, sagt Andrea Korte-Toffel, die seit mehr als zwanzig Jahren im Adoptions- und Pflegekinderdienst arbeitet. „Wir als Fachdienst stehen den Pflegeeltern bei dieser anspruchsvollen Aufgabe gerne zur Seite und helfen auch dabei, Fragen zu beantworten und Fakten über die Lebensgeschichte des Kindes zusammenzutragen“, so ihre Kollegin Sandra Baldschus.

In diesem Jahr wird ebenfalls aus Mitteln des Initiativkreises eine weitere Veranstaltung angeboten: Am 28. September 2013 haben Pflegeväter und -kinder die Möglichkeit, gemeinsam einen Nachmittag in der Natur zu verbringen. Einladungen hierzu werden rechtzeitig verschickt.

Quelle: SkF Recklinghausen vom 19.07.2013

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