7900 Gefährdungseinschätzungen bei Kindeswohlgefährdung in Hessen durchgeführt

Posted on Juli 2, 2014. Filed under: Forschung, Hessen, Jugendhilfe, Kinderschutz, Publikationen | Schlagwörter: , , |

In 2013 wurden in Hessen gut 7900 Gefährdungseinschätzungen nach § 8a SGB VIII durchgeführt. Wie das Hessische Statistische Landesamt mitteilt, waren dies zehn Prozent mehr als im Jahr 2012, in dem die Erhebung erstmalig stattfand.

Als Ergebnis der durchgeführten Gefährdungseinschätzungen wurde bei 14 Prozent eine akute und bei zwölf Prozent eine latente Kindeswohlgefährdung festgestellt. In 74 Prozent der Fälle lag keine Kindeswohlgefährdung vor — in mehr als der Hälfte dieser Fälle bestand trotzdem ein Hilfebedarf. Über die Hälfte aller Gefährdungseinschätzungen betraf Kinder unter sieben Jahre.

Bezogen auf die Bevölkerung in der jeweiligen Altersgruppe wurde für 79 von 10 000 Einwohnern unter 18 Jahre eine Gefährdungseinschätzung vorgenommen. Jüngere Kinder waren mehr betroffen als ältere. Für die unter Dreijährigen lag diese Quote bei 133, bei den Drei- bis unter Sechsjährigen bei 104, bei den Sechs- bis unter Zehnjährigen bei 76 und bei den Zehn- bis unter 18-Jährigen bei 54.

Von den 2030 Fällen, in denen eine akute oder latente Kindeswohlgefährdung festgestellt wurde, war mit sechs von zehn Fällen die Vernachlässigung die am häufigsten genannte Art. Körperliche Misshandlungen waren bei der akuten Kindeswohlgefährdung mit 35 Prozent die zweithäufigste Art. Bei der latenten Kindeswohlgefährdung standen die psychischen Misshandlungen mit 30 Prozent an zweiter Stelle. Anzeichen von sexueller Gewalt wurden bei sieben Prozent der Fälle akuter und bei vier Prozent latenter Kindeswohlgefährdung festgestellt. Mehrfachnennungen waren möglich.

Von den 1075 Fällen der akuten Kindeswohlgefährdungen waren in etwa gleich viele Mädchen und Jungen betroffen. Unterschiede bei den Geschlechtern gab es allerdings bei der Art der Kindeswohlgefährdung: Bei den Vernachlässigungen und körperlichen Misshandlungen waren die Jungen stärker betroffen, bei den psychischen Misshandlungen und bei sexueller Gewalt häufiger die Mädchen. Insbesondere in Fällen der sexuellen Gewalt waren bei den akuten Kindeswohlgefährdungen in drei Viertel der Fälle Mädchen die Leidtragenden.

Als Folge der akuten Kindeswohlgefährdung wurde der junge Mensch in 47 Prozent in Obhut, d. h. aus der Familie, genommen. In 35 Prozent wurde das Familiengericht eingeschaltet, in 28 Prozent erfolgte erstmals eine Hilfe zur Erziehung und in zwölf Prozent eine zusätzliche Hilfe. In knapp 23 Prozent wurde keine Hilfe neu eingerichtet bzw. keine der vorangegangenen Hilfen gewährt. Es konnte aber in diesem Fall die bereits bestehende Hilfe fortgeführt werden. Mehrfachnennungen waren möglich.

Die Konstellation der Familienverhältnisse spielte eine große Rolle. Bei mehr als der Hälfte der Einschätzungen lebte der junge Mensch bei einem alleinerziehenden Elternteil oder bei einem Elternteil mit neuem/-r Partner/-in.

Häufig erfolgte die Initiative zur Gefährdungseinschätzung durch Polizei/Gericht/Staatsanwalt (19 Prozent), Nachbarn (14 Prozent), Ärzten (elf Prozent) und durch die Schule bzw. anonym mit je neun Prozent. In acht Prozent der Fälle wurden die Eltern bzw. Personenberechtigten tätig. Andere Institutionen oder Personen, auf deren Initiative die Gefährdungseinschätzung erfolgte, spielten mit je unter sechs Prozent nur eine untergeordnete Rolle.

Hinweis:
Nach § 8a SGB VIII ist eine Gefährdungseinschätzung vom zuständigen Jugendamt vorzunehmen, wenn gewichtige Anhaltspunkte für die Gefährdung des Wohles eines Kindes oder Jugendlichen bekannt werden. Eine Kindeswohlgefährdung liegt vor, wenn eine erhebliche Schädigung des körperlichen, geistigen oder seelischen Wohls des Kindes/Jugendlichen eingetreten ist oder mit ziemlicher Sicherheit zu erwarten ist.
Nach der Einschätzung der Gefährdungssituation im Zusammenwirken mehrerer Fachkräfte kann im Ergebnis eine Gefährdung vorliegen, eine Gefährdung nicht ausgeschlossen werden (latente Kindeswohlgefährdung) oder es liegt keine Kindeswohlgefährdung vor.
Bei Vorliegen einer Kindeswohlgefährdung ist eine anschließende geeignete Hilfe in Absprache mit den Personensorgeberechtigten anzubieten. Gegebenenfalls kann auch das Tätigwerden des Familiengerichts notwendig werden. Bei dringender Gefahr kann das Jugendamt auch ohne die Entscheidung des Familiengerichts das Kind oder den Jugendlichen in Obhut nehmen.

Quelle: Hessisches Statistisches Landesamt vom 02.07.2014

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