Bericht zur Fachtagung „Pflegekinder und Pflegeeltern mit Migrationshintergrund – Arbeit mit Herkunftsfamilien“

Posted on Juni 14, 2015. Filed under: Fachkräfte, Fortbildung, Hessen, Jugendhilfe, Netzwerke, Publikationen, Rheinland-Pfalz, Saarland, Veranstaltungen | Schlagwörter: , , , |

Fachtagung „Pflegekinder und Pflegeeltern mit Migrationshintergrund – Arbeit mit Herkunftsfamilien“ für Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter der Pflegekinderdienste aus Rheinland-Pfalz, Hessen und dem Saarland am 27./28. April 2015

70 teilnehmende Fachkräfte gingen am ersten Tag gemeinsam mit der Referentin Sabine Kriechhammer-Yağmur vom Paritätischen Wohlfahrtsverband der Frage nach, welche Herausforderungen und Chancen Familien mit Migrationshintergrund in ihrer täglichen Arbeit darstellen. Die Referentin präsentierte in ihrem Vortrag zunächst einige Zahlen und Definitionen, die bei der Beleuchtung der Thematik für die Pflegekinderhilfe von zentraler Bedeutung sind: 9.105 Kinder und Jugendliche mit Migrationshintergrund unter 27 Jahren waren 2008 als Vollzeitpflegekinder gemäß § 33 SGB VIII untergebracht. Dem gegenüber stand eine Zahl von 40.568 Pflegekindern in dieser Altersspanne ohne Migrationshintergrund. Angebote zur Förderung der Erziehungsfähigkeit und Rückkehr des Kindes in die Herkunftsfamilie werden für 22 Prozent der Familien ohne, aber nur für 5 Prozent der Familien mit Migrationshintergrund angeboten. Zahlen darüber, wie viele Pflegefamilien mit Migrationshintergrund bundesweit tätig sind, gibt es keine. Diese und andere Erläuterungen der Referentin machten deutlich, welche Aufgaben hier für die Pflegekinderhilfe noch zu leisten sind.

Als Definition des Begriffes „Menschen mit Migrationshintergrund“ wählte Sabine Kriechhammer-Yağmur den im Mikrozensus von 2003 verankerten Begriff: „Alle nach 1949 auf das heutige Gebiet der Bundesrepublik Deutschland Zugewanderten, sowie alle in Deutschland geborenen Ausländer und alle in Deutschland als Deutsche Geborenen mit zumindest einem nach 1949 zugewanderten oder als Ausländer in Deutschland geborenen Elternteil.“ Auf dieser Grundlage sind die beiden stärksten Migrationsgruppen die Aussiedler bzw. Spätaussiedler vorwiegend aus der Russischen Föderation (3,1 Millionen) sowie 2,5 Millionen Menschen aus der Türkei.

Um zu verdeutlichen, welche Menschen sich hinter dem Begriff verbergen und welche Familien oder Einzelpersonen nach Deutschland kommen und kamen, stellte die Referentin folgende Gruppen vor:

  • Arbeitsmigrantinnen und Arbeitsmigranten
  • Wissenschaftlerinnen und Wissenschaftler
  • Angehörige von Pflegeberufen
  • Saisonarbeiterinnen und -arbeiter
  • Manager
  • nachkommende Familienangehörige der gleichen oder anderer Nationalitäten,
  • augenblicklich sehr relevant: Flüchtlinge mit und ohne Anerkennung, mit Duldung oder mit Bleiberecht,
  • Studentinnen und Studenten
  • und nicht zuletzt auch illegal hier lebende Menschen.

Sabine Kriechhammer-Yağmur wies darauf hin, dass diese Menschen, die aus allen gesellschaftlichen und sozialen Schichten kommen, ihre Weltanschauungen, Religionen, Kulturen, ethnische, nationale Herkunft und Sprachen mitbringen. Diese Personengruppe, so die Referentin, unterscheide sich wie deutsche Familien durch ihre Lebensentwürfe. Auch der Grad ihrer Verwurzelung in die deutsche Gesellschaft reiche von „Ich fühle mich noch immer als Fremde“ bis hin zu der Aussage „Ich bin hier Zuhause.“ Als Dilemma im Kontext der Betrachtung führte sie aus: „Durch den Prozess der Benennung als bestimmte Gruppe (Flüchtlinge, Frauen mit Migrationshintergrund) werden die Menschen erst zu „Anderen“ gemacht. Es werden also Gruppen konstruiert, die ggf. den notwendigen Blick auf das Individuum verstellen. Durch diese horizontale Differenzierung (das Nebeneinander verschiedener ethnischer Gruppen) wird die genauso notwendige vertikale Differenzierung (strukturelle Ungleichheit, Machtgefälle, etc.) vernachlässigt.“

Im Anschluss an diese eher grundsätzlichen Einführungen in die Thematik beschäftigte sich die Referentin mit den Themen Kultur, interkulturelle Öffnung und interkulturelle Kompetenz. Sie legte Wert darauf, den Kulturbegriff als Beschreibung einer gemeinsamen Lebensweise oder als Deutungsmuster einer Gruppe zu beschreiben. Kulturen seien daher weder statisch noch einheitlich, sondern immer mehrdeutig und widersprüchlich. Die Schlussfolgerung ihrer Ausführungen zum Kulturbegriff lautete: in jeder Gesellschaft gibt es verschiedene Kulturen, die nichts mit dem Migrationshintergrund der Menschen zu tun haben. Jeder Mensch werde in bestimmte Kulturen geboren, andere suche er sich freiwillig. Menschen würden durch kulturelle Einflüsse geprägt, seien aber durchaus in der Lage sich von diesen zu verabschieden und andere Kulturen zu wählen. Ihr wichtigstes Fazit lautete: „Es begegnen sich nie Kulturen, sondern immer Menschen“.

Nach Ausführungen zu den interkulturellen Kompetenzen, die in der Pflegekinderhilfe notwendig wären, übermittelte Sabine Kriechhammer-Yağmur zum Abschluss ihrer Betrachtungen einen Ideenkatalog, der hilfreich ist für die Arbeit der Pflegekinderdienste mit Herkunftsfamilien mit Migrationshintergrund. Nützlich ist dieser auch in der Ausbildung und Schulung von Pflegefamilien mit Migrationshintergrund und beim sensiblen Umgang mit den Kindern in diesem Spannungsfeld. In den Rückmeldungen der Teilnehmenden wurde deutlich, dass die sehr umfangreichen und differenzierten Überlegungen der Referentin vor Ort Anregungen dafür sein können, Einzelfälle unter anderen Blickwinkeln zu gestalten oder Konzepte für eine migrationssensible Pflegekinderhilfe zu entwickeln.

Drei Referentinnen gestalteten den zweiten Tag der Fachtagung. Helga Heugel, Bereichsleiterin des Pflegekinderdienstes im Jugendamt Stuttgart, schloss mit ihren Ausführungen direkt an die Überlegungen der Referentin vom Vortag an. Sie stellte unter anderem gelungene Beispiele der Vermittlung von Pflegekindern mit Migrationshintergrund in Familien mit und ohne Migrationshintergrund vor, und beleuchtete unter den Stichworten „Was wir verändern wollen“, „Was wir versucht haben“, „Was wir erreicht haben“, „Was wir gelernt haben“ und „Was wir tun“ die konkrete Arbeit der Pflegekinderhilfe der Landeshauptstadt Stuttgart. Zum Erreichten gehörten unter anderem ein bewussterer Blick bei der Werbung, Schulung und Überprüfung von Pflegeeltern auf die Ressource Migrationshintergrund. Unter der Rubrik des Gelernten wies sie darauf hin, dass sie erfahren konnten, dass mehr interkulturelle Familien tätig sind, als von den Fachkräften eingeschätzt wurde, und dass die Arbeit mit Pflegefamilien unbedingt interkulturelle Kompetenz voraussetze. Unter der Rubrik „Was wir tun“ stellte sie dar, dass die Netzwerke der Pflegefamilien mit Migrationshintergrund und die daraus entstehenden Ressourcen aktiv genutzt werden. Außerdem, dass Kolleginnen und Kollegen mit Migrationshintergrund zum Beispiel aus den ambulanten Hilfen in den Beratungskontext von Pflegefamilien einbezogen werden, und dass regelmäßig Fortbildungen zum Thema interkulturelle Kompetenz für die Fachkräfte aber auch für die Pflegepersonen durchgeführt werden. Die sehr anschaulichen und praxisnahen Ausführungen der Referentin stießen beim Fachpublikum auf große Resonanz.

Aus juristischer Sicht beleuchtete Diana Eschelbach, Doktorandin am Max-Planck Institut München und freie Mitarbeiterin des DIJuF Heidelberg, in ihrem Vortrag „Elternrechte – Was bleibt, was wechselt und warum?“ die Situation von Herkunftsfamilien, während und nach der Vermittlung des Kindes in die Pflegefamilie. Zwar ging auch Frau Eschelbach unter anderem unter dem Stichwort Religion des Kindes und Staatsangehörigkeit des Kindes auf möglicherweise mit dem Migrationshintergrund verbundene Aspekte ein. Andererseits schlug ihr Beitrag jedoch einen großen Bogen über alle relevanten rechtlichen Themen von Sorgerechtsentscheidungen bis zu Umgangsregelungen mit Herkunftseltern in der Pflegekinderhilfe.

Besonders hilfreich für die tägliche Arbeit in der Pflegekinderhilfe waren die sehr differenzierten Ausführungen der Referentin unter der Rubrik Beteiligung von sorgeberechtigten bzw. nichtsorgeberechtigten Eltern an der Hilfeplanung oder die Auflistung, welche Angelegenheiten des täglichen Lebens unter dem Begriff Alltagssorge zu subsumieren sind und daher von den Pflegeeltern für ihr Pflegekind getroffen werden können. In Abgrenzung hierzu ging sie auf die Angelegenheiten von erheblicher Bedeutung ein, für die immer nur der Inhaber des Sorgerechts entscheidungsbefugt ist.

Auch mit der Frage, wer zum Vormund für ein Pflegekind bestellt werden kann, beschäftigte sich die Referentin grundlegend. Obwohl das Gesetz einen ehrenamtlichen Einzelvormund bevorzugt, werden 70-80 Prozent aller Vormundschaften für Pflegekinder im Jugendamt geführt. Entscheidend für die Bestellung von Pflegeeltern zum Vormund sei:

  • Dauer des Pflegeverhältnisses und weitere Perspektive,
  • Bindung an die Pflegeeltern,
  • Bereitschaft zur Zusammenarbeit mit dem Jugendamt,
  • Klärung des Umgangs mit den leiblichen Eltern,
  • Umgang mit Geschwisterkindern,
  • hinreichende Informationen für Pflegeeltern über vormundschaftliche Aufgaben,
  • akute Probleme sind gelöst bzw. abschließend bearbeitet.

Als Ausschlusskriterium nannte die Referentin: „Pflegeeltern stehen einem dem Kindeswohl dienlichen Kontakt zum Herkunftssystem ablehnend gegenüber.“

An die Ausführungen von Diana Eschelbach schloss sich inhaltlich, aber auch unter der Beachtung der Perspektive der Elternrechte in der Pflegekinderhilfe, der Vortrag von Sabina Langenohl, Diplom-Pädagogin und freie Mitarbeiterin der GEBIT in Münster, nahtlos an. Sie stellte das Modellprojekt zur Rückführung von Kindern aus der Jugendhilfe, welches sie mit neun Kommunen durchgeführt hat, vor. Langenohl ging neben den organisatorischen Vorgaben des Projektes zunächst auf die Frage ein, warum das Thema Rückführung von Kindern so bedeutsam ist, warum aber andererseits nur wenige geplante Rückführungen stattfinden. Die Teilnehmenden des Modellprojektes hatten sich mit Thesen beschäftigt, die auch während des Vortrages von Sabina Langenohl spannende und kontroverse Diskussionen auslösten. Unter der Überschrift „Ist das so?“ stellte die Referentin vier Thesen vor, die während des Projektes bearbeitet wurden.

  • „Man soll immer so lange wie möglich versuchen mit ambulanten Hilfen zu arbeiten.“
  • „Kinder brauchen Verlässlichkeit und Klarheit, müssen eindeutig wissen, wo sie in Zukunft leben werden.“
  • „Eltern, die Umgangskontakt unregelmäßig wahrnehmen, sind schlechte Eltern und zu unzuverlässig, um ein Kind großzuziehen.“
  • „Nach zwei Jahren in der Pflegefamilie hat das Kind Bindungen aufgebaut und es ist keine Rückführung mehr möglich.“

Schnell wurde klar, dass diese Thesen nicht uneingeschränkt so stehen bleiben können, sondern dass es am Einzelfall orientierte und differenzierte Betrachtungen geben muss.

Das Projekt, das Frau Langenohl vorstellte, führte übrigens nicht zur Entwicklung eines einheitlichen Konzeptes, sondern hatte unter anderem das Ergebnis, dass vor einer Rückführung eine sorgfältige Diagnostik zu erstellen ist und Kriterien gefunden werden müssen, um die Entwicklung des Einzelfalles einzuschätzen. Die Pflegekinderhilfe braucht Konzepte, die auf Rückführung ausgerichtet sind. Der gesetzliche Auftrag des § 37 SGB VIII muss von allen Mitarbeiterinnen und Mitarbeitern öffentlicher und freier Träger in der Jugendhilfe intensiv wahrgenommen werden.

Nach zwei Tagen, die eine Fülle von Basiswissen, aber auch neue Ideen und überlegenswerte Ansätze für die Pflegekinderhilfe vor Ort boten, bleibt zu hoffen, dass einige Anregungen konstruktiv umgesetzt werden.

Beate Fischer-Glembek

Quelle: LJA Info Ausgabe Juni 2015

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