Rekordanstieg im Saarland: Jugendämter trennen immer mehr Kinder von ihren Eltern

Posted on Juli 5, 2009. Filed under: Forschung, Jugendhilfe, Kinderschutz, Politik, Saarland | Schlagwörter: , |

Die Jugendämter müssen immer häufiger Kinder zu ihrem Schutz von den Eltern trennen. Die Zahl so genannter Inobhutnahmen ist im Saarland zuletzt so stark gestiegen wie in keinem anderen Bundesland.

Saarbrücken. Die Zahl der Kinder, die vom Jugendamt in dessen Obhut genommen werden, weil die Eltern mit ihrer Erziehung überfordert sind, ist im Saarland erneut drastisch gestiegen. 2008 wurden im Land 357 Inobhutnahmen von Minderjährigen gezählt, wie das Statistische Amt Saarland auf SZ-Anfrage mitteilte. Im Jahr 2007 hatte es 234 Inobhutnahmen gegeben, ein Jahr davor 160 und im Jahr 2005 144.

Das Saarland weist damit für die vergangenen Jahre die mit Abstand höchsten Steigerungsraten aller Bundesländer auf. Die Fallzahlen an der Saar stiegen gegenüber dem Vorjahr um 52,6 Prozent und im Vergleich zum Jahr 2005 um 147,9 Prozent. Bundesweit stieg die Zahl der Inobhutnahmen im Jahr 2008 um 14,4 Prozent gegenüber dem Vorjahr und um 25,7 Prozent gegenüber 2005.

Eine Inobhutnahme ist eine Maßnahme der Jugendämter zum Schutz von Kindern und Jugendlichen. Sie werden meist für Stunden oder Tage, oftmals aber auch länger, auswärts untergebracht – etwa in einem Heim. Laut Statistischem Amt wurden im vorigen Jahr 255 Minderjährige (Vorjahr: 159) wegen Gefährdung des Kindeswohls in Obhut genommen, 90 weitere (Vorjahr: 75) auf eigenen Wunsch. In 117 Fällen (gegenüber 63 in 2007) regte der Soziale Dienst der Jugendämter die Hilfe an, in 50 Fällen die Eltern (gleiche Zahl wie im Vorjahr) und in 55 Fällen die Polizei oder die Ordnungsbehörde (Vorjahr: 35).

Anlass für die Inobhutnahmen waren im Jahr 2008 in 198 Fällen (gegenüber 139 in 2007, 68 in 2006 und 61 in 2005) die Überforderung der Eltern und in 80 Fällen (gegenüber 70 in 2007, 38 in 2006 und 16 in 2005) Beziehungsprobleme der Eltern. Mehr als versechsfacht hat sich seit 2005 die Zahl der Inobhutnahmen wegen Kindesvernachlässigung. Sie stieg von acht in 2005 auf elf in 2006, 33 in 2007 und 52 in 2008. Anzeichen von Kindesmisshandlung waren im vorigen Jahr in 39 Fällen (gegenüber 28 in 2007, 17 in 2006 und zehn in 2005) der Grund für Inobhutnahmen. 54 Jugendliche (gegenüber 40 in 2007, 23 in 2006 und elf in 2005) nahmen die Behörden in ihre Obhut, weil sie sich an einem „jugendgefährdenden Ort“ aufhielten.

Stefan Bohnenberger vom Jugendamt im Regionalverband Saarbrücken führte die erhöhten Zahlen auf eine größere Sensibilität der Öffentlichkeit, aber auch auf eine reale Zunahme von Armut zurück. Er gehe davon aus, dass infolge der ungünstigen Entwicklung auf dem Arbeitsmarkt eine weitere Verschärfung der Lage drohe. Andererseits stünden den verschuldeten Kommunen nur begrenzte Mittel für die Prävention zur Verfügung. „Auch bei Gemeinwesenprojekten, Tafeln und Schulspeisungen könnte man noch mehr tun“, sagte er. Die Problemlage nehme stärker zu als die Mittel und Projekte, die zu ihrer Entschärfung bereitstünden.

Quelle: Artikel von Norbert Freund in Saarbrücker Zeitung vom 25.06.09

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