Artikel „Ganz plötzlich: aus drei mach vier“

Posted on Juli 31, 2009. Filed under: Baden-Württemberg, Bewerber, Fortbildung, Jugendhilfe, Pflegefamilie, Publikationen | Schlagwörter: , , |

Wie Familie Bulling haben sich 154 weitere Familien für Rundum-die-Uhr-Pflegekinder entschieden

Die Patenschaft fürs siebte Kind müsste Bundespräsident Horst Köhler beinahe auch ihnen verleihen, zweimal sogar: Mit dem kleinen Marvin hat Familie Bulling das 14. Kleinkind bei sich aufgenommen. Eine Entscheidung fürs Leben sei es gewesen, Kindern, die aus ihren Ursprungsfamilien heraus genommen werden müssen, ein Nest zu bieten.

Aalen. Friedlich schläft er im Schatten eines Baumes, der kleine Marvin. Um ihn herum wuselt’s nur so: Gut 100 Erwachsene und Kinder haben sich zum Sommerfest für Pflegefamilien im Ostalbkreis bei der Kolpingshütte Albuch eingefunden. Marvins Pflegepapa Hans Bulling hat immer ein Auge auf ihn und bemerkt sofort, dass das neun Monate alte Baby langsam unruhig wird. Als er aufwacht, nimmt er den Kleinen aus dem Sportwagen, hält ihn liebevoll auf dem Arm und lässt ihn langsam zu sich kommen.

Inzwischen leben 228 Kinder auf der Ostalb in Pflegefamilien
Ein Kinderlachen ist für diesen Papa das Schönste auf der Welt und wiegt die manchmal unruhigen Nächte locker auf. Kurz nach der Geburt kam der Junge zu ihnen. Weil der Kontakt zu den leiblichen Eltern bleiben soll, fährt Hans Bulling seine Frau alle zwei Wochen ins Gefängnis. Bei der Kurzzeitpflege, bei der eine Rückführung geplant ist, ist dieser Kontakt besonders wichtig, erklärt Waldemar Wiedemann vom Pflegekinderdienst des Jugendamtes. Generell sollte die Herkunft eines Kindes nicht im Unklaren bleiben, dies könne später zu Identitätsproblemen führen.
Wie Familie Bulling haben 154 weitere Familien im Ostalbkreis Kinder in Kurzzeitpflege oder auf Dauer bei sich zuhause aufgenommen – Tendenz steigend. Damit hat die Vollzeitpflege in Familien zahlenmäßig die Heimerziehung eingeholt. 228 Kinder leben in Familien, 193 in den insgesamt drei Einrichtungen des Kreises. Damit jedes Kind ins passende „Nest“ kommt, werden Familien intensiv auf die Aufnahme eines fremden Zöglinges vorbereitet, sagt Wiedemann.

Nach einer Vorberatung und einer Eignungsprüfung sowie einem Bewerbungsseminar, wird die Familie in den Kreis der potenziellen Pflegefamilien aufgenommen. Von da an kann alles ganz schnell gehen: Ein Anruf kommt und noch am gleichen Abend flattert das kleine Bündel ins Haus. Hans Bulling erreichte schon manches Mal eine Mail im Geschäft mit Foto im Anhang: „Das ist unser neues Pflegekind.“
Alles Nötige, Windeln, ein Babybett und was ein Kleinkind sonst noch braucht, hat die routinierte Pflegemama stets parat. Durch Bekannte, die auch Bereitschaftspflege machen, sind Bullings auf die Idee gekommen, selbst Kinder aufzunehmen. Das war im Jahr 2000. Ihre eigenen Kinder waren damals vier und sechs Jahre alt. Selbst haben sie sich immer mehr als zwei Kinder gewünscht. Weil Claudia Bulling nicht wieder zurück in den Beruf wollte, erschien ein Pflegekind als sinnvolle Aufgabe.

Heute sind sie aus ihrem Familienleben nicht mehr wegzudenken; hinter ihrem Engagement stehen sie voll und ganz. Auch für ihre Kinder seien die Pflegekinder kein Problem. Vor allem die inzwischen 15 Jahre alte Tochter habe sehr von den vielen kleineren Geschwistern profitiert. „Sie hat schon einige Kinder gewickelt und in den Schlaf gesungen“, schmunzelt der Papa – Erfahrungen, die heute den meisten Kindern und Jugendlichen fehlen.

Für die Eltern ist es ein Gebot der Menschlichkeit, Kinder mit schwerem familiären Hintergrund in Liebe aufzunehmen: „Kinder sind unsere Zukunft“, ohne Unterscheidung. Weil sie wissen, dass immer Familien gebraucht werden, möchten sie gerne andere Familien animieren, den Schritt zu wagen. Nach der Vorbereitung werde die Pflegefamilie weiter intensiv vom Pflegekinderdienst betreut. Für Claudia Bulling stellt dies eine große Unterstützung dar. Auch der Austausch mit anderen Pflegefamilien sei hilfreich.

Im Ostalbkreis soll der Pflegedienst weiter ausgebaut werden. Nicht zuletzt aus Kostengründen, räumt Wiedemann ein: der Pflegeplatz in einer Familie ist ungleich günstiger als eine Heimunterbringung. Bei Kleinkindern spricht darüber hinaus die familiäre Atmosphäre ohne Schichtwechsel dafür; in Familien bleiben auch die Bezugspersonen gleich.

Wie schwer es ist, ein Kind aus seiner Familie zu nehmen, weiß Wiedemann nur zu gut. Seit zehn Jahren ist er im Ostalbkreis mit der Materie beschäftigt. Seine Kolleginnen Barbara Hurler, Christine Roßmann und Heike Fernolendt nennen ihn den „Urvater“ des Pflegekinderdienstes.
Jedes Jugendamt habe eine andere Philosophie, bei manchen werde die Rückführung sehr hoch gewichtet. Für Wiedemann ist klar, dass irgendwann ein Schlussstrich gezogen werden muss. Ein ewiges Hin und Her schade dem Kind, deshalb sollte die Phase der Ungewissheit so kurz wie möglich sein.

Familie Blaurock zum Beispiel hat bei ihrem ersten Pflegekind erfahren, wie belastend sich ständige Verpflanzung auswirkt. Als die vier Jahre alte Nadine in Kurzzeitpflege kam, hatte sie schon eine kleine Odysee hinter sich: Insgesamt drei Mal musste sie von ihrer suchtkranken Mutter weg und fand Unterschlupf bei verschiedenen Pflegefamilien an verschiedenen Ort Süddeutschlands; zwölf Mal änderte sich ihr Lebensbezug. Ihre vielen Verlusterfahrungen führten dazu, dass sie allen Menschen sehr misstrauisch begegnet. Ihr Leben ist geprägt von der Angst, alles wieder zu verlieren. Auf Anforderungen und Enttäuschungen reagiert sie oft mit Schreien, Kratzen und Toben. Zuletzt brachte sie die ratlose Oma in den Ostalbkreis, wo eine dauerhafte Lösung gefunden wurde.

Auch für Claudia Bulling ist es eine ganz wichtige Frage, wie es mit ihren Kurzzeit-Kindern weiter geht. Richtig glücklich werde sie, wenn sie ein Kind in Dauerpflege abgibt und fühlt, dort geht es ihm gut. Schön ist es für sie, wenn sie manche von ihnen auf dem Sommerfest trifft und sieht, wie sie sich entwickeln. Diese Sorge um das weitere Wohlergehen führte dazu, dass sie ein Kind in Dauerpflege haben: Der 5-jährige Paul, bei dem vor fünf Jahren die Übergabe einfach nicht klappte. So leicht werden aus zwei Kindern drei oder vier.

Der Pflegekinderdienst ist erreichbar unter (07361) 503-568 oder unter (07171) 32-537.

Quelle: Artikel von Birgit Markert in Schwäbische Post vom 31.07.09

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